Welche Formen von Angststörungen gibt es und wie zeigen sie sich?

„Angststörung“ ist ein Oberbegriff. Manche Ängste richten sich auf einen konkreten Reiz oder eine soziale Situation. Andere zeigen sich als plötzliche Attacken oder als schwer kontrollierbare Sorgen, die viele Lebensbereiche erfassen. Auch Mischformen kommen vor: Eine Panikstörung kann beispielsweise gemeinsam mit einer Agoraphobie auftreten.

Zu den Formen gehören:

  1. Generalisierte Angststörung: anhaltende, schwer steuerbare Sorgen zu unterschiedlichen Alltagsthemen.
  2. Panikstörung: wiederkehrende, unerwartete Panikattacken und häufig eine ausgeprägte Angst vor der nächsten Attacke.
  3. Agoraphobie: Angst vor Situationen, aus denen eine Flucht schwierig erscheint oder in denen Hilfe nicht schnell verfügbar sein könnte.
  4. Soziale Angststörung (Soziale Phobie): starke Furcht davor, beobachtet, bewertet, abgelehnt oder bloßgestellt zu werden.
  5. Spezifische Phobie: ausgeprägte Angst vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation, etwa einem Tier, großer Höhe, einem Flug oder einer medizinischen Behandlung.

Die folgenden Beschreibungen helfen dabei, typische Muster zu verstehen. Sie ersetzen keine Diagnose. Denn ähnliche Beschwerden können unterschiedliche Ursachen haben, und nicht jedes Vermeiden oder Absichern ist bereits ein Krankheitszeichen. Ausschlaggebend sind unter anderem Stärke, Dauer, Leidensdruck und die Einschränkungen im Alltag.

Die Alltagsszenen in den folgenden Abschnitten sind anonymisierte und zusammengesetzte Beispiele basierend auf den Behandlungserfahrungen von Patienten:innen unserer Privatklinik für Angststörungen.

Generalisierte Angststörung: Wenn Sorgen kaum noch Pause machen

Kernmerkmale und typische Symptome

Bei einer generalisierten Angststörung kreisen die Sorgen nicht nur um ein bestimmtes Thema. Gesundheit, Familie, Arbeit, Geld oder alltägliche Pflichten können zum Gegenstand der Befürchtungen werden. Manche Betroffene erleben das Sorgen zunächst eher als verantwortungsvolles Planen oder als Versuch, auf mögliche Probleme vorbereitet zu sein, nicht unbedingt wie Angst. Trotzdem lassen sich die Sorgen oft nur schwer beenden. Häufig entsteht dabei eine regelrechte Sorgenkette, bei der eine Sorge nahtlos zur nächsten führt. Die Gedanken springen dabei von einem möglichen Problem zum nächsten, ohne dass eine Sorge wirklich abgeschlossen wird. So kann sich das Sorgen immer weiter fortsetzen und zunehmend den Alltag bestimmen.

Hinzu können eine Vielzahl von körperlichen und psychischen Angstsymptomen kommen, wie beispielsweise innere Unruhe, Muskelanspannung, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen. Es können aber auch Herzklopfen, Herzrasen, Schwitzen, Zittern, ein trockener Mund, Atembeschwerden, Druck oder Schmerzen im Brustbereich, Übelkeit und andere Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Auch Schwindel, Benommenheit, Kribbeln oder Taubheitsgefühle, Hitze- oder Kälteschauer sowie ein Gefühl der Unwirklichkeit können auftreten. Manche Betroffene haben außerdem Schwierigkeiten, sich zu entspannen, sind besonders schreckhaft oder befürchten, die Kontrolle zu verlieren.

Diese Symptome müssen nicht alle gleichzeitig auftreten. Nicht jede betroffene Person erlebt dieselbe Kombination von Symptomen und auch die Stärke der Beschwerden kann unterschiedlich sein. Für eine Diagnose müssen die generalisierten Sorgen sowie die begleitenden Symptome für einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten bestehen.

Die beschriebenen körperlichen und psychischen Angstsymptome können in unterschiedlicher Ausprägung auch bei anderen Angststörungen auftreten. Da sich die einzelnen Störungsbilder in diesen allgemeinen Symptomen teilweise überschneiden, werden sie hier anhand der generalisierten Angststörung einmal ausführlicher beschrieben; bei den folgenden Formen der Angststörung gehen wir deshalb vor allem auf die jeweiligen Besonderheiten und typischen Muster ein.

Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten

Vermeidung ist hier oft weniger sichtbar als beispielsweise bei einer Phobie. Eine Reise wird immer wieder verschoben, eine Entscheidung nicht getroffen oder eine Aufgabe erst begonnen, wenn vermeintlich jedes Risiko geprüft ist. Sicherheitsverhalten kann bedeuten, Nachrichten besonders häufig zu kontrollieren, Angehörige anzurufen, immer detaillierte Listen zur Absicherung anzulegen oder sich wiederholt bestätigen zu lassen, dass alles in Ordnung ist. Kurzfristig beruhigt das. Langfristig kann es jedoch die Erfahrung verhindern, dass Unsicherheit auch ohne ständige Kontrolle oder Rückversicherung ausgehalten werden kann.

So kann es sich im Alltag anfühlen

Eine Frau sitzt abends auf dem Sofa. Ihr Sohn ist längst zu Hause und hat ihr geschrieben, dass alles gut ist. Trotzdem prüft sie noch einmal, ob seine letzte Nachricht wirklich aktuell war. Dann fällt ihr ein Geräusch am Auto ein, anschließend eine offene Rechnung und schließlich ein Termin bei der Arbeit. Nach außen wirkt sie organisiert. Innerlich geht sie seit Stunden eine Reihe möglicher Probleme durch. Als ihr Partner sagt, sie solle abschalten, denkt sie: „Wenn ich nicht aufpasse, übersieht am Ende jeder etwas Wichtiges.“ Am nächsten Morgen ist sie erschöpft, weil ihr Kopf keinen wirklichen Feierabend hatte.

Allgemeine Behandlungsmöglichkeiten

Bei einer generalisierten Angststörung können psychotherapeutische Behandlungen helfen, Sorgenprozesse und aufrechterhaltende Verhaltensmuster besser zu verstehen und zu verändern. Je nach individueller Situation kann es unter anderem darum gehen, den Umgang mit Unsicherheit zu üben, Befürchtungen realistischer einzuordnen, Rückversicherungen oder Vermeidung schrittweise zu reduzieren und die Aufmerksamkeit wieder stärker auf das gegenwärtige Leben zu richten. Auch eine medikamentöse Behandlung kann im Einzelfall erwogen werden und gehört in ärztliche Hände.

Welche Vorgehensweise passt, hängt von Ausprägung, Begleiterkrankungen, Vorerfahrungen und persönlichen Präferenzen ab. Diese allgemeinen Möglichkeiten bedeuten nicht, dass jedes genannte Verfahren bei promenta in gleicher Form eingesetzt wird.

Realistische Therapieziele

Das Ziel ist nicht, nie wieder besorgt zu sein. Ein realistischer Fortschritt kann bedeuten, Sorgen als solche zu erkennen, einen flexibleren Umgang mit Sorgen und Unsicherheit zu entwickeln, Sorgenprozesse bewusst zu unterbrechen oder Entscheidungen trotz verbleibender Unsicherheit treffen zu können. Viele kleine Veränderungen zählen: eine Nachricht nicht noch einmal kontrollieren, eine Reise buchen, eine Aufgabe beginnen oder einen Abend erleben, an dem die Aufmerksamkeit wieder bei dem liegt, was tatsächlich geschieht. Es geht darum, wieder mehr Raum für das tatsächliche Leben zu schaffen.

Panikstörung: Wenn der Körper plötzlich Alarm schlägt

Kernmerkmale und typische Symptome

Eine Panikattacke steigt meist innerhalb kurzer Zeit stark an und erreicht innerhalb weniger Minuten ihr Maximum. Herzklopfen, Atemnot, Schwindel, Zittern, Schwitzen, Brustenge, Übelkeit, Kribbeln oder ein Gefühl von Unwirklichkeit können so heftig werden, dass Betroffene einen Herzinfarkt, eine Ohnmacht oder einen Kontrollverlust befürchten. Manche haben Angst zu sterben oder „verrückt zu werden“.

Die maximale Intensität einer einzelnen Panikattacke hält dabei in der Regel nicht lange an: Nach dem Höhepunkt klingt die körperliche Alarmreaktion meist wieder ab, sodass eine Panikattacke typischerweise nach einigen Minuten deutlich schwächer wird. Es können jedoch mehrere „Angstwellen“ oder Panikattacken aufeinanderfolgen, sodass es sich subjektiv wie ein langanhaltender Zustand intensiver Angst anfühlen kann.

Eine einzelne Panikattacke ist noch keine Panikstörung. Kennzeichnend für eine Panikstörung sind wiederkehrende, unerwartete Attacken und häufig die anhaltende Sorge vor einem erneuten Anfall. Diese „Angst vor der Angst“ kann den Alltag auch zwischen den Attacken bestimmen und zu einer anhaltenden Verhaltensänderung führen. Panikattacken können jedoch auch im Rahmen anderer psychischer Störungen oder körperlicher Erkrankungen auftreten.

Neue, starke oder unklare körperliche Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden. Dass sich später ein Zusammenhang mit Angst zeigt, bedeutet nicht, dass die Beschwerden eingebildet waren. Die körperliche Alarmreaktion wird real erlebt.

Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten

Viele Betroffene meiden Sport, Treppen, Kaffee, Hitze oder andere Situationen, in denen Herzschlag und Atmung spürbarer werden. Andere kontrollieren wiederholt ihren Puls, setzen sich grundsätzlich nahe an den Ausgang oder tragen Wasser, Medikamente und ein aufgeladenes Telefon bei sich. Solche Vorkehrungen sind nicht automatisch problematisch. Entscheidend ist, ob ohne sie kaum noch etwas möglich erscheint. Die kurzfristige Sicherheit kann die Überzeugung stärken: „Nur weil ich mich abgesichert habe, ist nichts passiert.“ Dadurch bleibt die Gelegenheit aus, Körpersignale anders einzuordnen.

So kann es sich im Alltag anfühlen

Ein Mann betritt einen Besprechungsraum und wählt wie immer den Platz an der Tür. Sein Wasserglas steht bereit, die Smartwatch zeigt den Puls. Als sein Herz schneller schlägt, hört er dem Gespräch kaum noch zu. Er prüft: Wird mir schwindelig? Bekomme ich genug Luft? Kann ich unauffällig hinaus? Nach zehn Minuten verlässt er den Raum und fühlt sofort Erleichterung. Seine Kolleginnen halten ihn für viel beschäftigt. Niemand sieht, wie sehr er darauf konzentriert ist, körperlichen Veränderungen zu kontrollieren und eine gefürchtete Panikattacke zu verhindern. Für das nächste Meeting plant er bereits eine Ausrede.

Allgemeine Behandlungsmöglichkeiten

In einer Psychotherapie kann zunächst verständlich werden, wie körperliche Empfindungen, bedrohliche Bewertungen, zunehmende Angst und Flucht einander verstärken. Je nach Situation kann dabei auch eine sogenannte Exposition sinnvoll sein: eine therapeutisch vorbereitete und schrittweise Auseinandersetzung mit bislang vermiedenen bzw. gefürchteten Situationen oder Körperempfindungen. Auch Gedanken wie „Ich verliere die Kontrolle“ oder die ständige Selbstbeobachtung können bearbeitet werden. Eine medikamentöse Behandlung kann individuell ärztlich geprüft werden. Welche konkreten Schritte geeignet sind, wird gemeinsam geplant. Es geht nicht darum, jemanden unvorbereitet zu überfordern.

Realistische Therapieziele

Ein sinnvolles Ziel ist, körperliche Aktivierung nicht sofort als Katastrophe bewerten zu müssen. Fortschritt kann heißen, bei Herzklopfen im Raum zu bleiben, die Aufmerksamkeit wieder nach außen zu richten, weniger häufig den Puls zu prüfen oder einen Termin nicht mehr vom nächstgelegenen Ausgang abhängig zu machen. Auch wenn Angst noch auftritt, kann das Vertrauen wachsen, mit ihr umgehen zu können.

Agoraphobie: Wenn Wege, Orte und Entfernungen unsicher werden

Kernmerkmale und typische Symptome

Bei einer Agoraphobie richtet sich die Angst auf Situationen, in denen eine Flucht schwierig oder nicht möglich erscheint bzw. Hilfe im Fall plötzlich auftretender Beschwerden nicht verfügbar wäre. Das kann Menschenmengen, öffentliche Verkehrsmittel, Warteschlangen, Kaufhäuser, weite Plätze oder die Entfernung vom sicheren Zuhause betreffen. Der umgangssprachlich genutzte Begriff „Platzangst“ beschreibt das jedoch nur unvollständig.

Entscheidend für die Diagnose ist die ausgeprägte Furcht vor solchen Situationen oder deren Vermeidung, unabhängig davon, ob dabei tatsächlich jedes Mal starke Angstsymptome auftreten. Manche Betroffene bewältigen die gefürchtete Situation unter großer Anspannung und mit vielen Angstsymptomen. Andere Betroffene meiden die Situationen vollständig, sodass Angstsymptome weitestgehend ausbleiben können. Die dabei auftretenden Angstsymptome ähneln denen der anderen Angststörungen und können beispielsweise Herzklopfen, Atemnot, Schwindel, Brustbeschwerden, Übelkeit oder ein Gefühl von Unwirklichkeit umfassen. Auch Ängste vor Kontrollverlust oder dem Sterben können auftreten.

Häufig steht außerdem die Befürchtung im Mittelpunkt, in der gefürchteten Situation eine Panikattacke zu bekommen. Wie bereits erwähnt: eine vereinzelte Panikattacke ist noch keine Panikstörung. Eine Panikstörung kann jedoch zusätzlich zu einer Agoraphobie vorliegen. Eine Agoraphobie kann also sowohl mit als auch ohne das Vorliegen einer eigenständigen Panikstörung bestehen.

Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten

Der Aktionsradius wird oft schrittweise kleiner. Zunächst wird nur die volle Bahn während der Stoßzeit vermieden, später jede Bahnfahrt. Eingekauft wird zu ruhigen Zeiten und nur in einem bekannten Geschäft. Sitzplätze werden nach Ausgangsnähe gewählt, Routen nach Rückzugsmöglichkeiten geplant. Eine vertraute Begleitperson, das eigene Auto, Wasser oder Medikamente können zur Voraussetzung werden. Typisches Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten bei Agoraphobie richtet sich also meist danach, gefürchtete Situationen zu umgehen oder nur unter Bedingungen aufzusuchen, in denen eine vermeintliche Sicherheit gewährleistet ist.

Von außen wirken solche Lösungen auf den ersten Blick häufig vernünftig. Problematisch wird es, wenn sie immer mehr den Alltag bestimmen und die Erfahrung ausbleibt, eine Situation auch ohne diese Absicherung bewältigen zu können.

So kann es sich im Alltag anfühlen

Eine Frau fährt jeden Tag eine längere Strecke mit dem Auto, obwohl die Bahn schneller wäre. Im Auto kann sie rechts ranfahren; in der Bahn wäre sie „ausgeliefert“. Zum Einkaufen nimmt sie nur den kleinen Supermarkt, dessen Ausgänge sie kennt. Bei einer Familienfeier fragt sie vorher nach dem Sitzplan und sagt ab, als sie erfährt, dass sie mitten im Saal sitzen würde. Sie denkt nicht: „Ich habe Agoraphobie.“ Sie denkt: „Ich organisiere mich eben so, dass nichts passiert.“ Erst als eine Freundin spontan einen Ausflug vorschlägt und sie merkt, wie viele Bedingungen dafür erfüllt sein müssten, fällt ihr auf, wie eng ihr Sicherheitsradius geworden ist.

Allgemeine Behandlungsmöglichkeiten

Psychotherapeutisch kann betrachtet werden, welche Situationen gefürchtet werden, welche Katastrophe erwartet wird und welches Vermeidungsverhalten bzw. welche Sicherheitsstrategien die Angst aufrechterhalten. Je nach individueller Lage können gefürchtete Situationen schrittweise und vorbereitet aufgesucht werden, sodass neue Erfahrungen möglich werden. Dabei zählen nicht nur sichtbare Wege, sondern auch das Loslassen verdeckter Absicherungen und ein hilfreicherer Umgang mit Körpersignalen. Begleiterkrankungen, körperliche Einschränkungen und die persönliche Belastbarkeit müssen berücksichtigt werden. Das Vorgehen wird individuell festgelegt.

Realistische Therapieziele

Ziel ist ein größerer Handlungsspielraum. Das kann bedeuten, wieder eine Haltestelle allein zu fahren, nicht ausschließlich den Supermarkt mit dem schnellsten Fluchtweg zu wählen, einen Termin ohne Begleitperson wahrzunehmen oder eine Einladung nach Interesse statt nach Sicherheitsbedingungen zu entscheiden. Angst darf dabei zunächst noch vorhanden sein; entscheidend ist, dass sie nicht mehr jede Route vorgibt.

Soziale Angststörung (soziale Phobie): Wenn die mögliche Bewertung anderer den Alltag bestimmt

Kernmerkmale und typische Symptome

Bei einer sozialen Angststörung besteht eine ausgeprägte Furcht davor, von anderen beobachtet, kritisch bewertet, abgelehnt oder bloßgestellt zu werden. Das kann Gespräche, gemeinsames Essen, Telefonate, Besprechungen, Vorträge, Dates oder Begegnungen mit Autoritätspersonen betreffen. Die Angst in solchen Situationen geht über gewöhnliche Schüchternheit hinaus, erzeugt erheblichen Leidensdruck oder schränkt wichtige Lebensbereiche ein. Ebenso kann sich die soziale Phobie darin zeigen, dass diese Situationen entsprechend vermieden werden – die ausgeprägte Furcht vor sozialen Situationen und deren tatsächliche Vermeidung sind dabei gleichwertige diagnostische Merkmale.

Wie bei den anderen Angststörungen treten auch bei der sozialen Phobie typische Angstsymptome auf, zum Beispiel Herzklopfen, Atembeschwerden, Schwindel, Schwitzen oder ein Gefühl von Beklemmung. Darüber hinaus stehen häufig körperliche Symptome und Befürchtungen im Vordergrund, die gerade in sozialen Situationen besonders belastend sind: Dazu gehören insbesondere Erröten und Zittern, die Angst zu erbrechen sowie ein gesteigerter Harn- oder Stuhldrang beziehungsweise die Befürchtung, die Kontrolle über Blase oder Darm zu verlieren. Die Sorge, dass solche Reaktionen von anderen bemerkt werden könnten, kann die soziale Angst zusätzlich verstärken.

Häufig richtet sich die Aufmerksamkeit stark nach innen: „Sieht man meine Nervosität? Klinge ich seltsam? Was denken die anderen gerade?“ Dadurch beobachten Betroffene sich selbst und ihre körperlichen Reaktionen häufig sehr genau, während die Aufmerksamkeit für das tatsächliche Geschehen und die Reaktionen anderer in den Hintergrund tritt. Eigene Angstsymptome werden dabei leicht als sichtbare Zeichen von Unsicherheit oder Unfähigkeit fehlinterpretiert: etwa ein schneller Herzschlag als Beweis dafür, dass die eigene Nervosität offensichtlich sein müsse. Schon vor einer sozialen Situation werden mögliche negative Verläufe häufig gedanklich vorweggenommen.

Auch nach der Situation kann die gedankliche Verarbeitung weitergehen: Das Gespräch wird detailliert analysiert, neutrale Reaktionen werden als Ablehnung gedeutet und vermeintliche Fehler bleiben stundenlang präsent. Dadurch kann selbst eine äußerlich gelungene Situation als Misserfolg abgespeichert werden. Positive oder unauffällige Reaktionen anderer werden dabei leicht übersehen. So können sich die eigenen Befürchtungen weiter verfestigen, obwohl die tatsächliche Reaktion der anderen deutlich weniger negativ ausgefallen ist als erwartet.

Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten

Vermeidungsverhalten kann für manche Betroffene bedeuten, Einladungen abzusagen, Gespräche möglichst zu vermeiden, allein zu essen, Blickkontakt zu meiden oder sich in Besprechungen nicht zu Wort zu melden. Auch Situationen, in denen man im Mittelpunkt stehen könnte, etwa Vorträge, Präsentationen oder das Kennenlernen neuer Menschen, werden möglicherweise umgangen.

Sicherheitsverhalten ist oft weniger offensichtlich: Die Situation wird zwar aufgesucht, aber durch bestimmte Strategien abgesichert. Dazu gehören etwa Sätze vorher auswendig zu lernen, Nachrichten mehrfach zu überarbeiten, möglichst wenig von sich zu erzählen, besonders leise zu sprechen, Blickkontakt gezielt zu reduzieren oder sich so zu positionieren, dass man möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch das wiederholte Kontrollieren der eigenen Stimme, Mimik oder körperlichen Reaktionen kann dazu dienen, befürchtete negative Reaktionen anderer zu verhindern oder unauffällig zu bleiben. Solche Strategien können kurzfristig Sicherheit vermitteln, erschweren aber die Erfahrung, dass soziale Situationen auch ohne diese Absicherungen bewältigt werden können.

So kann es sich im Alltag anfühlen

Ein Mitarbeiter bereitet sich auf ein kurzes Telefonat vor. Er notiert die Begrüßung, drei mögliche Antworten und einen Satz für den Abschluss. Als die andere Person eine unerwartete Rückfrage stellt, wird sein Gesicht heiß. Er antwortet knapp und beendet das Gespräch so schnell wie möglich. Danach spielt er jedes Wort erneut durch. War die Pause zu lang? Hat seine Stimme gezittert? Die Kollegin nebenan hat nichts Ungewöhnliches bemerkt. Er hingegen braucht eine halbe Stunde, bevor er sich wieder konzentrieren kann. Beim nächsten Mal schreibt er lieber eine E-Mail und arbeitet zwanzig Minuten an den ersten zwei Sätzen.

Allgemeine Behandlungsmöglichkeiten

In der Psychotherapie kann es darum gehen, Befürchtungen über die eigene Wirkung auf andere bzw. Befürchtungen über die Bewertung durch andere genauer zu prüfen, die starke Selbstbeobachtung zu verändern und soziale Situationen schrittweise aufzusuchen und dabei neue Erfahrungen zu machen. Dabei können sichtbare Vermeidung und feinere Sicherheitsstrategien gleichermaßen wichtig sein. Auch die nachträgliche Analyse, sehr strenge Maßstäbe und der Umgang mit Scham können bearbeitet werden. Welche Methoden im Einzelfall sinnvoll sind, hängt von der Ausprägung, möglichen Begleiterkrankungen und den persönlichen Zielen ab.

Realistische Therapieziele

Das Ziel ist nicht, in jeder sozialen Situation völlig entspannt oder besonders extrovertiert zu sein. Ein Fortschritt kann bedeuten, trotz Nervosität anzurufen, in einer Besprechung einen Gedanken auszusprechen, eine Einladung nicht reflexartig abzusagen oder ein Gespräch anschließend nicht stundenlang zu zerlegen. Entscheidend ist, wieder nach eigenen Interessen handeln zu können, nicht nach der erwarteten Bewertung anderer.

Spezifische Phobien: Wenn ein konkreter Auslöser übermäßig viel bestimmt

Kernmerkmale und typische Symptome

Eine spezifische Phobie richtet sich auf ein bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Situation. Mögliche Auslöser sind etwa Spinnen oder Hunde, große Höhen, Gewitter, enge Räume, Flüge, Blut, Spritzen, Verletzungen oder medizinische Eingriffe. Schon die Vorstellung einer Begegnung kann starke Angst hervorrufen. Typisch ist bei einer spezifischen Phobie also eine ausgeprägte Furcht vor oder starke Anspannung bei der Konfrontation mit dem jeweiligen Auslöser, das Ertragen unter erheblichem Leidensdruck sowie die Vermeidung der Konfrontation mit dem jeweiligen Auslöser. Die Angst steht dabei in keinem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr oder zum jeweiligen Kontext und kann den Alltag deutlich einschränken. Die Betroffenen wissen häufig, dass ihre Reaktion im Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr sehr stark ist. Dieses Wissen schaltet den körperlichen Alarm jedoch nicht einfach ab.

Die Angstsymptome ähneln dabei grundsätzlich denen anderer Angststörungen. Typisch können beispielsweise Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, Schwindel, Atembeschwerden, Übelkeit oder ein starkes Gefühl von Beklemmung sein. Bei der Blut-Spritzen-Verletzungsphobie kann es außerdem zu einer besonderen körperlichen Reaktion kommen: Bei manchen Betroffenen steigen Herzfrequenz und Blutdruck zunächst an, bevor es zu einem Abfall von Blutdruck und Herzfrequenz kommen kann. Diese sogenannte vasovagale Reaktion kann Schwindel, Schwäche und bisweilen eine Ohnmacht auslösen. Das therapeutische Vorgehen wird entsprechend angepasst. Bei Personen mit Neigung zu einer Ohnmacht können deshalb spezielle Maßnahmen wie die sogenannte angewandte Anspannung („Applied Tension“) Bestandteil der Behandlung sein.

Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten

Eine Phobie bleibt für andere oft unsichtbar, weil das Leben geschickt um den Auslöser herum organisiert wird. Jemand fährt zwölf Stunden mit dem Zug, um nicht fliegen zu müssen, nimmt täglich die Treppe bis in ein hohes Stockwerk statt des Aufzugs oder verschiebt eine ärztliche Untersuchung. Vor einer Reise werden Fotos des Hotels auf mögliche Auslöser wie Balkone oder Aufzüge geprüft oder es wird recherchiert, welche Tiere in der Urlaubsregion vorkommen. Andere überlassen bestimmte Aufgaben grundsätzlich ihrem Partner.

Dabei spielt nicht nur die vollständige Vermeidung eine Rolle. Auch sogenanntes Sicherheitsverhalten ist häufig: Die betroffene Person setzt sich zwar der gefürchteten Situation aus, versucht die befürchtete Gefahr aber durch bestimmte Vorkehrungen, Kontrollen oder die Anwesenheit anderer Menschen abzusichern. So kann jemand beispielsweise zwar fliegen, aber nur, wenn der Partner dabei ist oder nur wenn die betroffene Person ein bestimmtes Medikament eingenommen hat oder ständig Sicherheitsstatistiken überprüft.

Solange der Auslöser selten vorkommt, erscheint das vielleicht gut lösbar. Die Belastung zeigt sich häufig erst dann, wenn berufliche Chancen, Gesundheit, Beziehungen oder wichtige Erlebnisse von der Vermeidung oder den damit verbundenen Einschränkungen abhängen.

So kann es sich im Alltag anfühlen

Eine Frau wird zur Hochzeit ihrer Schwester im Ausland eingeladen. Sie freut sich – bis sie mit der Reiseplanung beginnt. Wochenlang sucht sie nach Nachtzügen oder Fährverbindungen, um nicht fliegen zu müssen. Ihrer Schwester sagt sie, die Reise sei organisatorisch schwierig und schiebt sogar die Arbeit als Ausrede vor. Tatsächlich stellt sie sich immer wieder vor, wie sich im Flugzeug die Türen schließen und sie nicht mehr herauskommt. Als sie schließlich absagt, ist die Angst für den Moment vorbei. Gleichzeitig schämt sie sich, weil sie bei einem wichtigen Tag fehlen wird. Das Problem ist nicht nur der Flug. Es ist der immer höhere Preis, den sie für die Vermeidung des Fliegens zahlt.

Allgemeine Behandlungsmöglichkeiten

Bei spezifischen Phobien kann eine psychotherapeutische Behandlung helfen, neue Lernerfahrungen zu ermöglichen. Eine psychotherapeutische Behandlungsoption ist die Exposition: Die betroffene Person nähert sich dem gefürchteten Objekt oder der gefürchteten Situation gezielt an und macht dabei neue Erfahrungen mit der eigenen Angst und den befürchteten Konsequenzen. Diese Annäherungen an die gefürchtete Situation werden therapeutisch begleitet, sorgfältig vorbereitet und in geeigneter Form gestaltet. Tempo, konkrete Form und notwendige medizinische Rücksichtnahmen werden individuell geklärt.

Ein „Augen zu und durch“ ohne Vorbereitung ist damit nicht gemeint. Die betroffene Person soll nachvollziehen können, was geschieht, und aktiv an der Planung beteiligt sein. Ziel ist also nicht, die betroffene Person zu überrumpeln, sondern gemeinsam eine therapeutisch sinnvolle Konfrontation zu ermöglichen.

Realistische Therapieziele

Nicht jede Person muss einen Hund streicheln, gern fliegen oder schwindelfrei auf einem Aussichtsturm stehen. Das Therapieziel richtet sich danach, was im eigenen Leben wieder möglich sein soll: eine notwendige Blutabnahme wahrnehmen, die Wohnung eines Freundes mit Hund besuchen, einen Aufzug benutzen oder an einer Familienreise teilnehmen. Der Maßstab ist nicht Mut um jeden Preis, sondern ein Alltag mit mehr Wahlfreiheit.

Wie entstehen Angststörungen und was hält sie aufrecht?

Für eine Angststörung gibt es meist nicht die eine Ursache. Persönliche Veranlagung, belastende Lebensphasen, körperliche Faktoren, frühere Erfahrungen und erlernte Bewertungen können zusammenspielen. Eine konkrete Lernerfahrung, etwa ein Hundebiss, kann eine Rolle spielen. Angst kann aber auch entstehen, ohne dass sich ein einzelnes auslösendes Erlebnis benennen lässt.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Entstehung und Aufrechterhaltung. Was eine Angst ursprünglich begünstigt hat, muss nicht dasselbe sein, was sie heute bestehen lässt. Häufig entsteht ein Kreislauf:

  1. Eine Situation, ein Gedanke oder eine körperliche Empfindung wird als Gefahr bewertet.
  2. Der Körper reagiert mit Alarm.
  3. Die körperliche Reaktion oder die Angst selbst kann dabei wie ein weiterer Beweis für Gefahr wirken.
  4. Flucht, Vermeidung, Kontrolle oder Rückversicherung bringen kurzfristige Erleichterung.
  5. Eine neue Erfahrung: „Ich kann das bewältigen, auch ohne mich vollständig abzusichern“ kann ausbleiben.

Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten sind deshalb keine Schwäche. Meist waren sie zunächst nachvollziehbare Versuche, mit einer sehr belastenden Situation zurechtzukommen. In der Behandlung geht es nicht um Schuld, sondern darum, das persönliche Muster zu erkennen und wieder mehr Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Auch körperliche Erkrankungen, Medikamente, Alkohol, Drogen oder ein sehr hoher Koffeinkonsum können Angstsymptome auslösen oder verstärken. Eine sorgfältige Diagnostik ist deshalb wichtiger als eine vorschnelle Erklärung.

Wie wird eine Angststörung diagnostiziert?

Eine Diagnose entsteht nicht durch das Abhaken einer Symptomliste im Internet. Im ärztlichen oder psychotherapeutischen Gespräch wird geklärt, wie sich die Angst zeigt, seit wann sie besteht, wodurch sie ausgelöst wird und wie stark sie das Leben einschränkt. Typische Fragen betreffen auch Vermeidung, Rückversicherungen, körperliche Beschwerden, Schlaf, Stimmung, Konsum von Substanzen und bisherige Behandlungen.

Je nach Verdachtsdiagnose können standardisierte Fragebögen die Einschätzung ergänzen. Sie ersetzen das persönliche Gespräch jedoch nicht. Je nach Beschwerdebild können bei Bedarf zudem körperliche Untersuchungen, Laborwerte oder weitere fachärztliche Befunde mit einbezogen werden, um organische Ursachen abzuklären.

Das ist besonders wichtig, weil Herzrasen, Luftnot, Schwindel oder Unruhe nicht ausschließlich bei Angststörungen vorkommen. Neue, ausgeprägte oder ungeklärte körperliche Beschwerden gehören daher ärztlich abgeklärt. Umgekehrt gilt: Wenn keine ausreichende organische Erklärung gefunden wird und psychische Faktoren eine Rolle spielen, sind die Beschwerden trotzdem real. „Psychosomatisch“ bedeutet nicht „eingebildet“. Angst kann außerdem im Rahmen anderer psychischer Erkrankungen auftreten, etwa bei Depressionen, Zwangs-, Traumafolge- oder Belastungsstörungen. Mehrere Störungsbilder können gleichzeitig bestehen. Eine sorgfältige Diagnostik schafft deshalb die Grundlage für einen Behandlungsplan, der nicht nur ein einzelnes Symptom betrachtet.

Was Angehörige bei einer Angststörung tun können

Für Angehörige ist es oft schwer auszuhalten, wie sehr ein vertrauter Mensch leidet. Aufforderungen wie „Reiß dich zusammen“ oder „Da passiert doch nichts“ helfen selten. Die Angst ist nicht gespielt, und auch scheinbar einfache Situationen können große Überwindung kosten. Gleichzeitig kann gut gemeinte Hilfe die Angst unbeabsichtigt stabilisieren: Wenn Angehörige dauerhaft alle schwierigen Telefonate übernehmen, jede Fahrt begleiten oder immer wieder versichern müssen, dass sicher nichts passieren wird, entsteht kurzfristig Ruhe. Langfristig kann sich aber die Überzeugung festigen, die Situation sei ohne diese Hilfe nicht zu bewältigen.

Hilfreicher ist eine abgestimmte Unterstützung: zuhören, die Belastung ernst nehmen und konkrete Schritte fördern, die in der Therapie vorbereitet wurden. Angehörige müssen dabei nicht selbst zu Therapeutinnen oder Therapeuten werden. Ihre eigenen Grenzen und Belastungen verdienen Beachtung.

Bild von Über unsere leitende Chefärztin: Dr. Martina Stolzenburg
Über unsere leitende Chefärztin: Dr. Martina Stolzenburg

Seit 2000 Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie sowie Psychosomatik. Zertifiziert als systemisch-konstruktivistisch-lösungsorientierte Supervisorin (BTS Mannheim). Leitende Chefärztin der Promenta Tagesklinik.

Ähnliche Artikel

Anschrift

promenta GmbH
Private Tagesklinik für Psychiatrie, Psychotherapie & Psychosomatik 

Gerne rufen wir Sie zu Ihrer Wunschzeit an. Geben Sie dazu einfach Ihre Telefonnummer und Details unterhalb ein:

Rückruf-Service

* Wir nutzen Ihre Kontaktdaten ausschließlich zur Kontaktaufnahme mit Ihnen und behandeln diese selbstverständlich vertraulich.